Mobbingprävention: Blaue Haare, 80 % negative Reaktionen – und trotzdem konnte Mobbing ihn nicht mehr verletzen
- 16. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Juli
Ich glaubte, mich verhört zu haben.

"Ja, ich will so blaue Fransen", sagte mein 10 Jahre alter Sohn.
Verdammt. Ich habe mich nicht verhört.
Aber wie kommt er auf sowas?
Rote Haare und blaue Fransen?
Warum will er denn jetzt rumlaufen wie ein Feuerwehrauto mit Sirene?
Es war nun doch schon einige Zeit her, als Aaron in der Schule über Monate von einigen Jungs übel gemobbt wurde.
Es hängt mir noch immer in den Knochen.
Und ehrlich gesagt genoss ich es gerade sehr, dass er endlich wieder Freunde gefunden hatte und das Leben langsam wieder leicht wurde.
Deshalb schoss mir sofort ein Gedanke durch den Kopf.
"Aaron, ist dir klar, was da in der Schule auf dich zukommt, wenn du das durchziehst?"
Ich hatte Angst.
Nicht wegen der Haare.
Sondern wegen dem, was andere daraus machen könnten.
Doch seine Antwort überraschte mich.
"Ist mir egal, was die sagen. Ich will das tun. Ich mache einen Termin beim Friseur."
Ich versuchte mich innerlich zu beruhigen.
Es ist sein Kopf. Er muss seine Erfahrungen selbst machen. Er ist selbst aus dem Mobbing ausgebrochen. Du hast ihn jetzt lange genug trainiert. Vertrau ihm.
Wir wollen unsere Kinder doch nur beschützen.
Aber dabei vergessen wir manchmal, dass sie längst stärker geworden sind.
Selbstbewusstsein zeigt sich erst, wenn Gegenwind kommt
Zwei Tage später sass Aaron beim Friseur.
Aus den roten Fransen wurden erst blonde.
Und dann... BLAUE. Ich meine richtig BLAU.

Er sah sich im Spiegel an und strahlte über das ganze Gesicht.
"Geil. Richtig geil."
Ich verdrehte zwar kurz die Augen, freute mich aber gleichzeitig riesig für ihn.
Dann fragte ich ihn:
"Bist du wirklich ready für die Schule? Du weisst, die Reaktionen werden gemischt sein."
Er schaute mich völlig entspannt an.
"Mama, ich weiss, was ich tun muss, wenn sie was Dummes sagen. Ich kann alles, was du mir beigebracht hast. Hör jetzt auf mich zu coachen!"
Ich musste laut loslachen.
Weil es stimmte.
Er hatte mittlerweile beinahe eine komplette Ausbildung darin, wie man Mobbing im Keim ersticken kann.
Die erste Reaktion kam schneller als gedacht
Natürlich fragte ich ihn am nächsten Tag sofort:
"Und, wie lief's?"
"80 Prozent negativ."
Wow. Das ist viel.
"Und wie konntest du damit umgehen?" "Echt gut."
Dann erzählte er mir von Nick.
Nick war einer der Jungs, die ihn früher gemobbt hatten.
Er kam auf Aaron zu und fragte:
"Bist du schwul?"
Aaron schaute ihn an und fragte zurück:
"Hast du ein Problem damit, wenn ich schwul wäre?"
Nick verneinte.
Er meinte nur, mit diesen Haaren müsse Aaron ja wohl schwul sein.
Ich sass da wie gebannt.
"Und dann?"
Aaron grinste.
"Ich habe zu ihm gesagt: Du, man weiss nie, was das Leben bringt."
Entschuldige. Aber wie genial ist bitte diese Antwort?
Warum Mobbingprävention viel früher beginnt, als die meisten Eltern glauben
Viele Menschen glauben, Schlagfertigkeit sei die beste Waffe gegen Mobbing.
Ich sehe das anders.
Aaron hat Nick nicht besiegt, weil er besonders schlagfertig war.
Er hat gewonnen, weil Nick ihn emotional nicht mehr erreichen konnte.
Und genau darin liegt der entscheidende Unterschied.
Er wusste drei Dinge ganz genau.
Nick verhält sich nur so bescheuert, weil er selbst unzufrieden ist. Er hat ein Problem mit sich, nicht mit meinen Haaren.
Er kann die Haare ja Kacke finden, aber mir können sie ja trotzdem gefallen.
Für Aaron spielte es überhaupt keine Rolle, ob jemand schwul ist oder nicht. Genau deshalb konnte ihn diese Aussage auch nicht treffen.
Genau hier verliert Mobbing seine Macht.
Nicht, weil niemand mehr etwas Gemeines sagt.
Sondern, weil die Aussagen ihr Ziel verfehlen.
Die Meinung anderer ist keine Wahrheit
Die meisten Kinder leiden nicht an den Worten.

Sie leiden an der Bedeutung, die sie den Worten geben.
Wenn ein Kind glaubt:
"Mit mir stimmt etwas nicht."
Dann trifft jede Beleidigung mitten ins Herz.
Wenn ein Kind dagegen weiss, wer es ist, entsteht plötzlich Abstand.
Es kann unterscheiden zwischen einer Meinung und einer Tatsache.
Und genau das ist einer der wichtigsten Bausteine erfolgreicher Mobbingprävention.
Hurt people, hurt people
Einige Zeit später erfuhr ich übrigens, dass Nick sich selbst gerne die Haare gefärbt hätte.
Aber seine Eltern verboten es ihm.
Was uns wieder einmal zeigt:
Hurt people, hurt people.
Verletzte Menschen verletzen Menschen.
Das entschuldigt Mobbing nicht.
Aber es erklärt sehr häufig, warum manche Kinder ständig andere kleinmachen müssen.
Sie versuchen für einen kurzen Moment stärker zu wirken, weil sie sich innerlich klein fühlen.
Was Eltern daraus lernen können
Ich glaube, viele Eltern hätten versucht, Aaron die blauen Haare auszureden.
Aus Angst, aus Sorge und aus Liebe.
Ich verstehe das.
Aber manchmal verhindern wir genau dadurch die Erfahrungen, an denen Kinder wachsen.

Aaron hat an diesem Tag nicht gelernt, dass alle Menschen seine Frisur mögen.
Er hat etwas viel Wertvolleres gelernt.
Dass er auch dann okay ist, wenn andere seine Frisur blöd finden.
Und genau dieses Gefühl schützt Kinder langfristig vor Mobbing.
Denn Kinder, die ihren eigenen Wert nicht mehr von der Meinung anderer abhängig machen, werden für Täter deutlich weniger attraktiv.
Möchtest du deinem Kind genau diese innere Stärke mitgeben?
Die meisten Eltern versuchen ihrem Kind schlagfertige Antworten beizubringen. Das ist verständlich.
Doch wahre Mobbingprävention beginnt viel früher.
Sie beginnt dort, wo Kinder lernen, zwischen Fakten und Meinungen zu unterscheiden und ihren eigenen Wert nicht mehr von den Aussagen anderer abhängig zu machen.
Genau deshalb haben wir das Spiel "Fakt oder Meinung" entwickelt. Es hilft Kindern spielerisch zu erkennen, warum Worte anderer Menschen nur dann verletzen können, wenn sie ihnen glauben.




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