Mobbing härtet ab? Lass uns diesen Bullshit einmal zu Ende denken
- 26. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Lass uns heute was ganz Wildes machen und so tun, als wäre dieser absolut unterirdische Satz wahr.
Denn er hält sich in den Köpfen vieler Menschen ja vehement.

„Mobbing härtet ab.“
„Das macht Kinder stärker.“
„Da muss man durch.“
Also gut. Spielen wir das Spiel einmal zu Ende.
Nehmen wir an, Mobbing härtet tatsächlich ab.
Nehmen wir an, genau das wäre das Ziel.
Was bedeutet Abhärtung dann eigentlich?
Abgehärtet heisst:
Du spürst weniger.
Du vertraust weniger.
Du liebst vorsichtiger.
Du zeigst dich nicht mehr ganz.
Du bist schneller misstrauisch.
Du überlebst, statt zu leben.
Klingt für mich ungeil, sorry.
Mobbing härtet ab? Was Abhärtung wirklich bedeutet
Lass uns diesen Gedanken einmal zu Ende denken.
Wenn Mobbing tatsächlich abhärtet und Abhärtung tatsächlich etwas Positives wäre, worüber sprechen wir dann eigentlich?
Wir sprechen darüber, dass ein Kind lernt, seine Gefühle wegzudrücken.
Dass es vorsichtiger wird.
Dass es anderen Menschen weniger vertraut.
Dass es sich nicht mehr vollständig zeigt, weil es gelernt hat, dass Sichtbarkeit gefährlich sein kann.
Dass es lieber einen Schritt zurückgeht, bevor jemand anderes es zurückweist.

Dass es lieber Mauern baut, als nochmals verletzt zu werden.
Und jetzt frage ich dich ganz ehrlich:
Klingt das für dich nach einem Kind, das stärker geworden ist?
Oder klingt das eher nach einem Kind, das gelernt hat, sich selbst zu schützen?
Für mich klingt es nach Letzterem.
Und zwar nicht nach einer Superkraft, sondern nach einem Notfallprogramm.
Abhärtung ist kein Skill. Es ist Coping.
Einer meiner Lieblingssätze aus diesem Zusammenhang lautet: Abhärtung ist kein Skill. Es ist Coping.
Ein Notprogramm des Nervensystems.
Eine Schutzschicht, die dich zwar durch den Tag bringt, aber dich dein Leben kostet.
Das klingt im ersten Moment vielleicht hart.
Doch wenn wir ehrlich hinschauen, sehen wir genau das immer wieder.
Kinder, die früher laut gelacht haben und plötzlich still werden.
Kinder, die voller Ideen waren und sich auf einmal zurückziehen.
Kinder, die früher jedem ihre Geschichten erzählt haben und irgendwann nur noch mit den Schultern zucken und sagen: „Ist mir egal.“
Dabei ist es ihnen meistens überhaupt nicht egal.
Sie haben nur gelernt, dass es weh tut, sich zu zeigen.
Also zeigen sie sich weniger.
Sie fühlen weniger.
Sie vertrauen weniger.
Nicht weil sie stärker geworden sind, sondern weil sie keinen anderen Weg gefunden haben, mit dem Schmerz umzugehen.
Harte Menschen sind oft verletzte Menschen
Je länger ich mit Kindern, Jugendlichen und Eltern arbeite, desto weniger beeindruckt mich Härte.
Früher dachte ich wie viele andere, harte Menschen seien besonders stark. Heute sehe ich das anders.
Denn hinter dieser Härte steckt oft eine Geschichte. Eine Geschichte von Enttäuschungen. Von Verletzungen. Von Situationen, in denen jemand gelernt hat, dass Vertrauen gefährlich sein kann und Gefühle gegen einen verwendet werden.
Deshalb glaube ich heute, dass harte Menschen häufig verletzte Menschen sind.
Menschen, die für ihre vermeintliche Stärke einen hohen Preis bezahlt haben.
Sie funktionieren.
Sie leisten.
Sie kommen durch den Tag.
Aber sie spüren sich selbst oft kaum noch.
Und genau das ist der Punkt, an dem ich aussteige, wenn mir jemand erzählen möchte, Abhärtung sei ein erstrebenswertes Ziel.
Denn ich wünsche keinem Kind auf dieser Welt, dass es sich so weit von sich selbst entfernen muss, nur um mit dem Alltag klarzukommen.
Das eigentliche Problem beginnt viel früher

Das Gefährliche an Mobbing sind nicht nur die Angriffe. Das Gefährliche ist das, was Kinder irgendwann anfangen zu glauben.
Ein Kind hört einmal, dass es komisch sei.
Dann noch einmal.
Dann wieder.
Und irgendwann wird aus einer Meinung gefühlt ein Fakt.
Das Kind hört:
„Du bist komisch.“
„Du bist peinlich.“
„Mit dir stimmt etwas nicht.“
„Dich mag niemand.“
Und irgendwann stellt es sich nicht mehr die Frage, ob diese Aussagen überhaupt wahr sind.
Es übernimmt sie.
Weil niemand ihm gezeigt hat, wie man Aussagen überprüft, statt sie einfach zu glauben.
Fakt oder Meinung?
Genau hier beginnt für mich echte Prävention.
Bestimmt nicht beim Abhärten, Wegstecken oder beim ach so berühmten: „Da musst du drüberstehen“.
Sondern bei einer ganz einfachen Frage: Ist das ein Fakt oder ist das eine Meinung?
„Du hast braune Haare.“
Fakt.
„Du trägst eine Brille.“
Fakt.
„Du bist komisch.“
Meinung.
„Niemand mag dich.“
Meinung.
„Du bist langweilig.“
Meinung.
Für Erwachsene wirkt diese Unterscheidung banal.
Für Kinder kann sie lebensverändernd sein.
Denn plötzlich merken sie, dass nicht alles wahr ist, nur weil es jemand sagt.
Sie beginnen Aussagen zu hinterfragen, statt sie automatisch zu übernehmen.
Sie lernen, ihrer eigenen Wahrnehmung wieder mehr zu vertrauen.
Und genau dort entsteht etwas, das viel wertvoller ist als jede Abhärtung.
Innere Sicherheit.
Unsere Generation weiss es doch besser
Vielleicht liegt genau darin unsere Verantwortung.
Unsere Generation weiss es doch besser.
Und darum machen wir es besser.
Wir verherrlichen Härte nicht.
Wir feiern nicht, wenn Kinder sich abschotten.
Wir freuen uns nicht darüber, wenn sie lernen, weniger zu fühlen.
Wir helfen ihnen, sich gesund abzugrenzen.
Wir helfen ihnen zu erkennen, welche Aussagen sie annehmen dürfen und welche sie zurückgeben können.
Wir helfen ihnen, bei sich selbst zu bleiben, auch wenn andere etwas anderes behaupten.
Denn Kinder brauchen keine dickere Haut.
Sie brauchen bessere Filter.
Sie brauchen Klarheit.
Sie brauchen Selbstvertrauen.
Und sie brauchen Erwachsene, die verstehen, dass zwischen Abhärtung und echter Stärke Welten liegen.
Lasst uns die Segel anders setzen und unseren Kindern etwas mitgeben, das wir selbst vielleicht viel früher gebraucht hätten.
Nicht mehr Härte, sondern mehr Klarheit.
Nicht mehr Abhärtung, sondern mehr Selbstvertrauen.
Nicht mehr Überleben, sondern Leben.
Was Kindern dabei helfen kann, ist unser Kartenspiel „Fakt oder Meinung“.
Es hilft Kindern spielerisch zu erkennen, dass nicht jede Aussage über sie wahr ist, nur weil jemand sie ausspricht. Sie lernen, Fakten von Meinungen zu unterscheiden, Aussagen zu hinterfragen und sich nicht jede Bewertung zu eigen zu machen.
Genau diese Fähigkeit kann im Alltag den entscheidenden Unterschied machen – ob auf dem Pausenplatz, in der Schule oder im Freundeskreis.
Denn Kinder brauchen keine dickere Haut. Sie brauchen einen klaren Blick auf das, was wahr ist – und auf das, was sie getrost bei anderen lassen dürfen.
Wenn du deinem Kind genau diese innere Klarheit mitgeben möchtest, dann schau dir unser Kartenspiel „Fakt oder Meinung“ an. Es ist ein einfaches Werkzeug mit einer Wirkung, die Kinder oft ein Leben lang begleitet.










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