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Zwei Länder – zwei Schulsysteme – ein Vergleich

  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Ich sitze im Kindergartengespräch. Es geht um meinen Sohn. Vor mir liegt ein dreiseitiges Dokument. Und während ich lese, spüre ich, wie sich etwas in mir zusammenzieht.


Einschätzung meines Kindergartenkindes

Denn das, was da steht, klingt nicht nach meinem Kind.


Es klingt nach einem Problem, das gelöst werden muss.



Zwei Länder, ein Kind, zwei völlig unterschiedliche Geschichten


Familie Bolli in Bali

2024 bin ich mit meinen beiden Kindern nach Bali ausgewandert.


Der Kleine ging in den Kindergarten. Der Grosse besuchte eine Onlineschule.


Es war perfekt.


Dann mussten wir aus familiären Gründen zurück in die Schweiz.


Und der Schulwahnsinn begann.


Bis heute sind wir nicht richtig angekommen. Mein Kleiner erwähnt Bali noch immer fast jeden Tag.


Das wundert mich nicht.



Ein Kind, zwei Beurteilungen


Am ersten Kindergartengespräch in der Schweiz bekam ich ein Dokument, in dem vor allem eines auffiel:


Defizite. Auffälligkeiten. Dinge, die nicht funktionieren.


Mein autistisches Kind schien hier plötzlich ein fettes Problem zu sein.


Schauen wir uns die Beurteilung desselben Kindes auf Bali an.


Dort stand sinngemäss:


Er zeigt ein Verständnis dafür, gesunde Entscheidungen zu treffen.

Er macht vielversprechende Fortschritte und gewinnt zunehmend an Selbstvertrauen.

Er übernimmt Verantwortung für seine Entscheidungen und traut sich, seine Komfortzone zu verlassen.


Weiter so, M.!


Kindergarten Einschätzung auf Bali
Kindergarten Einschätzung auf Bali

So wohlwollend. So motivierend.


Dasselbe Kind. Zwei völlig unterschiedliche Blickwinkel.



Der Unterschied zwischen defizitorientiert und stärkebasiert, der Schulsysteme Vergleich


Das ist der Kern der Sache.


In der Schweiz wird oft zuerst gefragt: Was funktioniert nicht?


Auf Bali wurde zuerst gefragt: Was kann dieses Kind schon richtig gut?


Beides sind pädagogische Haltungen. Aber sie führen zu komplett unterschiedlichen Ergebnissen. Für das Kind. Und für die ganze Familie.


Die beiden Schulsysteme (und auch Kindergartensysteme) im Vergleich unterscheiden sich grundlegend.



Wie sich das im Alltag anfühlt


In der Schweiz heisst es: „Hat er eine Diagnose?“

Auf Bali hiess es: „Wir brauchen kein Papier. Er ist, wie er ist, und wir wollen ihn genauso. Wir fördern seine Stärken und unterstützen seine Schwächen.“


In der Schweiz heisst es: „Er muss lernen, sich anzupassen.“

Auf Bali hiess es: „Wie können wir die Umgebung an ihn anpassen? Woran hat er Freude? An Autos? An Puzzles? Okay.“ Am nächsten Tag lag alles bereit, was ich als Tipp gegeben hatte.


In der Schweiz heisst es: „Wir beobachten Defizite.“

Auf Bali hiess es: „Wir sehen so viel Potenzial. Er ist ein grossartiges Kind. Ein wichtiger Teil der Klasse.“

Mein Sohn in Bali

In der Schweiz heisst es: „Wir brauchen professionelle Distanz.“

Auf Bali hiess es: „Wir leben professionelle Nähe.“


In der Schweiz heisst es: „Sie müssen härter durchgreifen.“

Auf Bali hiess es: „Du bist eine grossartige Mama. Du kannst stolz auf dich sein.“


In der Schweiz heisst es: „Das geht nicht.“

Auf Bali hiess es: „Wir machen es möglich. Es ist unsere Aufgabe, dass sich jedes Kind wohlfühlt. Und wenn das nicht so ist, müssen wir hinschauen, was das Kind braucht.“


Das sagte der Rektor einer Schule mit 300 Kindern.



Und jetzt sag mir: Wo entwickelt sich dein Kind gesünder?


Das ist keine rhetorische Spielerei.


Das ist die Frage, die sich jede Familie stellen sollte, die gerade mit einem System kämpft, das zuerst nach dem Problem sucht statt nach dem Potenzial.


Denn Kinder spüren, wie über sie gesprochen wird. Auch wenn sie den Wortlaut eines Berichts nie lesen.


Sie spüren, ob sie als Kind mit Potenzial wahrgenommen werden. Oder als Kind mit einer Akte.



Das Problem liegt nicht bei einzelnen Lehrpersonen


Ich will hier niemandem in der Schweiz die Schuld geben.


Viele Lehrpersonen und Fachpersonen tun ihr Bestes, innerhalb eines Systems, das schwächenorientiert aufgebaut ist.


Aber genau deshalb braucht es Menschen, die anders hinschauen.


Menschen, die Kinder zuerst über ihre Stärken definieren. Die eine Umgebung so gestalten, dass ein Kind sich entfalten kann, statt sich ständig anpassen zu müssen.


Menschen, die verstehen: Nicht das Kind ist das Problem. Sondern oft die Perspektive, mit der auf das Kind geschaut wird.



Was Defizitblick mit dem Selbstwert macht


Ein Kind, das ständig hört, was nicht funktioniert, lernt etwas fürs Leben.


Es lernt: Mit mir stimmt etwas nicht.


Das setzt sich fest. Nicht als Gedanke, den man einfach wieder loswird. Sondern als Gefühl, das ein Kind mit sich herumträgt. In den Schultern. Im Blick. In der Art, wie es sich selbst begegnet.


Und genau da beginnt das Problem, das viel zu selten mitgedacht wird:


Ein Kind mit wenig Selbstwert ist ein leichteres Ziel.


Kinder, die von Erwachsenen vor allem als „auffällig" oder „schwierig" beschrieben werden, spüren das nicht nur zu Hause. Sie spüren es auch unter Gleichaltrigen. Denn Kinder sind sehr genau darin, wahrzunehmen, wie über jemanden gesprochen wird. Und sie übernehmen diese Haltung oft, ohne es zu merken.


Ein Kind, das sich selbst schon als Problem sieht, hat weniger dagegenzusetzen, wenn andere es ausgrenzen oder runtermachen.


Es fehlt ihm die innere Stabilität, um zu sagen: Das stimmt nicht, was du über mich denkst.


Stärkebasierte Förderung ist deshalb nicht einfach „netter". Sie ist Prävention.


Ein Kind, das weiss, was es kann, das seine Stärken kennt und erlebt hat, dass es willkommen ist, geht anders durch die Welt. Aufrechter. Mit mehr Widerstandskraft. Auch dann, wenn es einmal angegriffen wird.


Mobbing entsteht nicht im luftleeren Raum. Es trifft überdurchschnittlich oft Kinder, die bereits verunsichert sind, wenig Selbstvertrauen mitbringen oder von Erwachsenen unbewusst als „das Kind mit dem Problem" markiert wurden.


Wer also früh beginnt, Kinder über ihre Stärken zu definieren, tut mehr, als nur ein gutes Gefühl zu vermitteln. Er baut etwas auf, das ein Kind später schützt.



Wenn du gespürt hast, dass da mehr sein muss


Vielleicht liest du diesen Artikel, weil du selbst schon in einem Gespräch sassest, in dem sich dein Kind wie ein Problem angefühlt hat.


Vielleicht spürst du aber auch: Du möchtest nicht nur für dein eigenes Kind eine andere Perspektive einnehmen. Du möchtest lernen, diesen stärkebasierten Blick auch anderen Familien mitzugeben.


Dann schau dir gerne an, wie wir bei Be Nice Eltern und Fachpersonen genau darin ausbilden: Kinder nicht über ihre Defizite zu definieren, sondern über das, was in ihnen steckt.


Denn jedes Kind verdient einen Blick wie den auf Bali. Nicht nur im Urlaub. Sondern jeden Tag.

 

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