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"Mobbing ist HORROR!"

Wie alt warst du als das Mobbing begann?

Ca 4. Klasse. (ca 10 Jährig)

Wie lange wurdest du gemobbt?

4. Klasse bis 3. Oberstufe. Also ca 6 Jahre.

Welche Form von Mobbing hast du erlebt? (Psychisch, Physisch, Nonverbal)

Ich kann mich gut erinnern, dass ich fast immer ausgeschlossen wurde. Gruppenarbeiten waren für mich Horror, da ich nie wusste, ob ich ein Gspändli finden würde. Auch Sport-Unterricht war meist nicht so toll wenn Gruppen gewählt wurden… ich war immer die letzte. Pausenzeit war auch nicht immer toll. Auch hatte ich «Freundinnen», die privat mit mir Zeit verbrachten und wir es gut hatten, aber in der Schule war ich nicht gut genug für sie. Das war am schlimmsten: Ich bekam Briefe von Mädchen: Ich finde dich toll, lass uns Freunde sein, aber nicht in der Schule… In den Klassen gab es immer Gruppen. Und in solch eine hineinzukommen war nicht leicht… bis unmöglich. Immer wieder hatte ich aber immerhin eine Freundin an meiner Seite in der Schule, die auch wirklich eine Freundin war… manchmal für 2 Jahre und dann war ich auch plötzlich nicht mehr gut genug.

Warum wurdest du gemobbt?

Das ist eine gute Frage. Das kann mir bis heute leider niemand wirklich beantworten… Ich war eher schüchtern, wohl nicht soo cool, nicht so schlagfertig, etwas pummeliger, ich war christin und glaubte an Gott, mir war der Mainstream nicht so wichtig, ich schminkte mich nicht (in der Oberstufe)… Aber ich weiss es echt nicht.

Was war dein schlimmstes Erlebnis mit Mobbing?

Ich kann mich leider gar nicht mehr an so viele Details erinnern, da es viele nicht so spektakuläre Erlebnisse waren. Die Zeit lässt schmerzhaftes verblassen. Aber das Gefühl, dass solche Situationen immer hinterliessen waren das schlimmste: Das alleine sein, nicht wertvoll, nicht genügen, nicht dazugehören. Das war das schlimmste. Und daran kann ich mich bis heute sehr gut erinnern.

Hast du einen Ausweg gefunden? Falls ja, welchen?

Nicht wirklich. Situativ beruhigte es sich immer wieder einigermassen so, dass ich doch noch zur Schule gehen konnte. Ich hatte aber oft Bauchschmerzen und war somit auch immer wieder Krank. Ich denke diese Bauchschmerzen waren psychisch. Als die Oberstufe zu Ende war trennten sich alle Wege und ich konnte neu Starten in der Lehre. Dort war ich plötzlich sehr akzeptiert, beliebt, geschätzt und aus der Mittelmässig- bis eher schlechten Schülerin wurde eine hervorragende Lehrtochter mit super Schulnoten. Ich denke heute, dass meine Schulleistungen auch so schlecht waren in der Mittel- und Oberstufe, da ich mich nicht wohlfühlte. Hätte ich eine ruhigere Schulzeit gehabt, währe ich bestimmt auch eine bessere Schülerin gewesen.

Würdest du heute etwas anders machen?

Früher sagen wie schlimm es für mich war und die Klasse/Schulhaus wechseln hätte wohl schon viel gebracht.

Welche Spätfolgen hat das Mobbing hinterlassen bei dir? Mein Angriffspunkt ist (bis heute selten noch) die Angst nicht akzeptiert zu sein, alleine gelassen zu werden. Ein Beispiel als ich bereits ca 26 Jahre alt war, verheiratet und in einem Lager mit meinem Mann war. Es machte mich völlig fertig, wenn er schon aus unserem Zimmer alleine in den Esssaal gehen wollte, weil ich mich dann einfach alleine gelassen fühlte. Wir waren doch zusammen in dem Lager und gingen auch zusammen an die Treffpunkte und ansonsten erwartete ich, dass wir miteinander sprachen wo wer ist. Oder wenn ich auf einem Fest nicht gerade jemanden zum reden hatte und alleine am Tisch oder in einer Ecke sass, machte mich das echt fertig. Für mich war und ist ganz wichtig, nicht einfach davonzulaufen und ich lasse auch andere nie stehen, wegen meinen schlechten Erfahrungen. Gegen diese Angst muss ich bis heute teilweise ankämpfen, aber ich habe gelernt damit umzugehen und zu wissen, dass ich nicht weniger Wert bin, wenn ich nun einmal alleine irgendwo stehe. Diese «Leer-Momente» auszuhalten forderte mich viel. Ich sag(t)e mir dann immer im Kopf: Ich bin geliebt, ich bin wertvoll, es meint es niemand Bös mit mir. Eine andere «Spätfolge» bis heute ist vielleicht auch mein Gerechtigkeitssinn, und ich helfe sehr gerne, auch weil ich möchte, dass sich niemand so verloren vorkommen muss, wie ich es erlebt habe. Ich vergebe anderen sehr schnell weil ich Streit gar nicht mag (mittlerweile kann ich aber auch sehr gut streiten, auch mal einen Streit anzetteln indem ich schwieriges anspreche). Ich bin auch sehr Barmherzig und versuche in jedem das Beste und Gute zu sehen.

Hattest du Suizidgedanken? Suizidversuche?

Ich hatte oft Suizidgedanken. In der Oberstufe und dann später in der Lehre (siehe Frage 16) als ich Depression und Magersucht hatte. Ich habe viele Tagebucheinträge in denen ich mir wünschte ich wäre im Himmel und ich mag mich erinnern, wie ich oft darüber Nachdachte wie ich mich umbringen könnte. Auch sass ich oft am Fenster von meinem Zimmer und überlegte mir wie es wäre, wenn ich hinunter auf den Hartplatz fallen würde. Ich wusste aber, dass ich mir nie wirklich etwas antun könnte. Eine Freundin schenkte mir daraufhin einen Roman über ein Mädchen dass Suizid machen wollte… sie sah. Mich. Das war sehr mutig von ihr. In der Lehre schrieb ich auch meine Probe-SVA über Suizid, da mich dieses Thema beschäftigte.

Welche Unterstützung hättest du dir gewünscht?

Wow das ist eine schwierige Frage. Ich hatte das Glück noch andere Begegnungsorte zu haben und hatte so die Chance Beziehungen aufzubauen mit Mädchen die nicht wussten wie es in der Schule zu und her ging. Ich denke das war super und ist etwas, dass Helfen kann wenn man in der Schule gemobbt wird. Meine Eltern machten es super und taten alles was sie konnten um mir zu helfen. Die Lehrpersonen waren oft überfordert aber gaben sich mühe. Der schmale Grat in einer solchen Situation war, ich wollte nicht so im Mittelpunkt stehen und das Opfer sein. Das war mir sehr unangenehm. Manchmal hätte ich mir diskretere Lösungen gesucht, aber das ist schwierig wenn fast die ganze Klasse betroffen ist. Ich habe mal einen Bericht gesehen (glaube aus Deutschland) von einem Mann (er war ein Muskelprotz und soo cool), der mit einem ganzen Schulhaus so Anti-Mobbing-Lektionen gemacht hat. Das hat mich sehr beeindruckt weil danach sich plötzlich Täter und Opfer umarmen konnten und wirklich verstanden hatten um was es geht, ohne dass die gemobbten als so aussergewöhnlich hingestellt wurden. Ich glaube so etwas hätte mich im Moment selbst viel Kraft gekostet und evt auch Tränen aber das hätte bestimmt sehr viel Wind aus den Segeln genommen. Laura du gehst ja glaube ich auch in Schulen, oder? Aber ich weiss nicht was du machst… aber solche Arbeiten wo eine neutrale Person einfach so selbstverständlich alle einbezieht in so einen Prozess finde ich echt super und hätte wohl auch mir dazumal geholfen. Ansonsten weiss ich nicht was ich mir noch gewünscht hätte… in dieser Situation will man einfach dass es aufhört… Vielleicht hätte ein Schulwechsel doch guetgetan… ich weiss es nicht. Das wichtigste war wohl nicht alleine zu sein und Menschen zu haben denen man trotzdem vertrauen konnte und man geliebt ist.

Haben deine Lehrer das Mobbing ernst genommen?

Ja. Ich kann mich an Klassenkonferenzen erinnern in denen ich geweint habe, weil wieder etwas Thematisiert werden musste. In der Mittelstufe hatte ich eine tolle Lehrerin, bei der ich mich wohl fühlte, aber ich merkte, dass es auch für sie schwierig war solche Situationen. In der Oberstufe war sich meine Klassenlehrerin den Mobbing-Situationen bewusst, versuchte auch dem entgegenzuwirken, aber auch sie wirkte überfordert.

Und ich hatte durch die Cevi-Jungschar Freundinnen (oder zumindest ein paar Mädchen die mich so akzeptierten wie ich war und mich mit einschlossen), die aber in anderen Klassen waren. Diese Beziehungen waren mein Halt und ca 3 von diesen Beziehungen wurden wirklich tiefere Freundschaften, die bis Heute andauern. Dort hatte ich auch suuper Cevileiterinnen die glaube ich auch viel bei den anderen Mädchen bewirkten, dass ich immerhin akzeptiert war. Allgemein waren die Angebote und Beziehungen innerhalb der reformierten Kirche und dem Cevi für mich einen wichtigen Halt.

Haben dich deine Eltern unterstützt? Meine Eltern waren sehr wichtig. Sie kämpften viel für mich. Ich weiss nicht genau was sie alles taten, aber sie hatten viele Gespräche und schrieben viele E-Mails. Ende Mittelstufe prüften sie auch, ob ich in eine Privatschule gehen sollte und sie finanzierten mir Nachhilfe-Unterricht damit ich besser mitkam in der Schule und Mal-Therapie inkl Gespräche, die mir ebenfalls Helfen sollten stärker zu werden. Ich wusste immer ich kann ihnen alles erzählen und habe wohl auch viel erzählt. Und sie nahmen mich ernst. Das war sehr wertvoll für mich. Mein Zuhause war sicher und ein Ort an dem ich mich selbst sein durfte und angenommen und geliebt war.

Dachtest du, du bist schuld an dem Mobbing?

Die Frage «Warum» beschäftigte mich die ganze Zeit sehr. Ich versuchte echt vieles um angenommen, akzeptiert zu werden und dazuzugehören. Ich denke dieses irgendwo dazuzugehören ist essentiell wichtig und macht am meisten im Herz weh, wenn das nicht passiert. Später in der Lehre ging es mir äusserlich sehr gut und ich hatte auch 1-2 Freundinnen im Ort und in der Berufsschule war alles in Ordnung. Als ich dann in meiner Kochlehre ein Praktikum in einem Hotelbetrieb im Tessin machte, nahm ich etwas Gewicht ab und als ich zurückkam bekam ich soviele positive Rückmeldungen. Dadurch fühlte ich mich nochmehr angenommen und mein Rückschluss war und bestätigte sich in dieser Situation, dass das ganze Mobbing wohl wegen meinem Gewicht und meinem Aussehen war. Nun war mein Ziel dies also definitiv zu ändern. So rutschte ich Ende der Lehre in die Magersucht hinein und hatte eine Depression, da ich in meinem Inneren so unendlich traurig war. Nach der Lehre erreichte dies seinen Höhepunkt und ich ging in eine stationäre Therapie für 3 Monate. Dort bekam ich die Diagnosen und es bestätigte mir dass etwas nicht stimmte (ich fragte mich vorher immer warum ich so traurig war), ich lernte mich selber mehr lieben, lernte wieder zu essen. Ich lernte auch, dass trotz meinem Versagen meine Familie und ein paar wirkliche Freunde noch da waren und mich liebten. Und ich musste tausende male hören dass ich gut bin und Gott mich genau so perfekt  gemacht hat und mich unendlich liebt. Ich ging noch 1-2 Jahre danach in die Seelsorge und festigte die Heilung. Ich glaube die Liebe von Gott, meiner Familie und diesen paar wenigen richtigen Freunden haben mich geheilt. Langsam entwickelte sich wieder ein Selbstwert, eine Kraft und dass ich eine Bedeutung habe und nicht einfach schlecht, und das dritte Rad am Wagen bin.

Hast du im Erwachsenenalter noch Mobbing erlebt?

Nein. Da bin ich echt froh drum <3

Hast du das Gefühl du konntest bis zum heutigen Tag aus der Opferrolle ausbrechen?

Ja, absolut. Aber es war ein weiter Weg. Ich musste viel Aufräumen in meinem Leben, hinschauen, an mir Arbeiten, Hilfe annehmen, Zulassen und Heilen lassen. Ich fühle mich nicht mehr als Opfer. Und im Nachhinein sehe ich auch, dass die Mädchen die so fies zu mir waren dies auch aus einem Grund taten der nicht schön war: Auch sie hatten irgendwie gelitten und wohl Angst alleine zu sein, nur waren sie stärker und versuchten durch unterdrücken der Anderen besser da zu stehen. Wir hatten von der Oberstufe vor ein paar Jahren ein Klassentreffen: Die ersten 5 Minuten waren alle Offen gegenüber allen und das Gespräch war gut. Aber danach ging es dort weiter wo die Oberstufe aufgehört hatte… es bildeten sich die selben Gruppen und ich sass wieder daneben und konnte nicht mitreden, war ausgeschlossen. Aber da war mein Vorteil dass ich dadrüber stehen konnte und mich selbst wieder aus diesen Begegnungen retten konnte: Ich hab an mir gearbeitet und konnte mich dann verfrüht wieder ausklinken weil ich nicht mehr auf diese Beziehungen angewiesen war. Ich weiss bis heute nicht ob diese Mädchen sich bewusst sind was sie mir angetan haben. Aber ich denke nicht, dass sie ihr Manko so aufarbeiten konnten wie ich, weil dies bei Tätern meist nicht so offensichtlich ist. Ein Opfer ist irgendwann fast gezwungen sich seiner Vergangenheit und dem Schweirigen zu stellen um frei und wieder stark zu werden, um wieder ins Leben zurückzufinden. Täter können mit solchen Haltungen lange «gut» leben.

Was mir noch geholfen hat in der Mobbingzeit und danach in der Depression und Magersucht und alles zu überwinden, ist die Musik. Kreativität kann heilen helfen. Ich habe oft stundenlang Klavier gespielt, gesungen und meine Gefühle, Ängste und Hoffnungen in Lieder vertextet. Ich schrie und weinte darin zu Gott und mir ging es danach immer besser, da sich ein Frieden und eine Hoffnung breit machte.

 

Was willst du anderen Mobbing-Opfern auf den Weg mitgeben?

Du bist nicht alleine und es gibt immer noch Menschen für die du unendlich wichtig bist und die dich lieben! Und du kannst das schaffen! Sprich darüber, hole dir Hilfe und es ist ok traurig, wütend und ratlos zu sein. Es ist echt nicht leicht wenn andere so fies zu einem sind. Aber du hast nichts falsch gemacht! Und suche dir noch ein anderes Umfeld als der Ort an dem du gemobbt wirst. Es braucht auch wieder Kraft, aber es wird sich lohnen! Zieh dich nicht von allem zurück, sondern such Orte und Menschen wo du DU sein kannst! Und sei kreativ. Friss deine Gefühle nicht in dich hinein. Male, Tanze, Singe, Reite, Renne, Nähe… egal was! In der Kreativität kannst du deine Gefühle abschütteln, festhalten, sichtbar machen und es wird dich etwas leichter und stärker machen. Und denk daran, es wird auf jeden Fall eine Zeit danach geben! Es wird wieder eine bessere Zeit kommen, auch wenn die Zeit jetzt schleicht! Halte durch! Jetzt fühlst du dich schwach. Aber wenn du dir Hilfe suchst, wenn dein Herz irgendwann heilen wird, wenn du erkennst wie wertvoll du doch bist und du liebeswert und gut bist. Dann wirst du stark sein. Stärker als die Mobber. Und genau diese Stärke wird dein Leben Hervorragend werden lassen. Du bist die Person, die die Welt dann ein Stück besser machen wird. Du bist die Person, die eine Heldin oder ein Held sein wird. Weil du Mut hast und weil du willst, dass das anderen nicht passiert was dir passiert ist. Du wirst wachsen und reifen, du wirst stark sein und ein mitfühlendes Herz haben. Du bist wichtig und du schaffst das! Wir sind viele die gemobbt wurden und noch werden, und es gibt Menschen die dich verstehen und dir helfen möchten! Du schaffst das!

Sollten sich Eltern mehr über Mobbing informieren, bevor ihre Kinder zu Opfer werden?

Unbedingt. Es ist so ein schleichendes Thema und Mobbing kommt ja wirklich langsam. Wenn Kinder das realisieren und zum Beispiel sich den Eltern mehr anvertrauen dann ist es ja meist schon so schlimm, dass das Kind selbst keinen Ausweg mehr sieht. So bekommen die Eltern also erst das heftige Mobbing mit. Eltern haben einen guten Instinkt, aber ich denke in diesen Fällen spielen dann auch viele Gefühle mit und auch die Hilflosigkeit. Mehr Informationen über Anzeichen deuten und Hilfestellungen was die Eltern in so einem Fall tun können wäre sicher sehr Hilfreich!

Was ist Mobbing für dich in einem Wort?

Nur ein Wort ist echt sehr schwierig. Aber ein Wort fasst wohl all dieses vielschichtige zusammen. Mobbing ist HORROR! Oder ein anderes, etwas weicheres Wort: VERLETZEND!!!